 Inseln der Intelligenz? Anderswo!
Die Wirtschafts- und Innovations-Probleme in Deutschland, Offensive aus China, all das ist kein neues Phänomen. Wer es wissen wollte, konnte die Vorboten schon vor fast zehn Jahren nachlesen. Auch bei Morgenwelt , wie ein Blick in unser Archiv zeigt
Von Volker Lange
In Europa verbindet man mit Asien immer noch vor allem Exotik, Disziplin und Tradition - und allenfalls noch die Massenprduktion billiger Konsumgüter. Doch das Asien von heute hat sich längst schon neue Ziele und Symbole geschaffen. Zum Beispiel in Hongkong, wo in den letzten Jahren einer der modernsten Universitätskomplexe weltweit hochgezogen wurde.
Hongkong als Standort für die Wissenschaft? In Europa reibt man sich da ungläubig die Augen. Wanderten nicht vor wenigen Jahren noch die klügsten Köpfe Asiens nach Europa und die USA ab? Meist um dort zu studieren und einen guten Job zu finden. Denn in Asien, auch in Hongkong, schien sich keine rechte Perspektive zu bieten. Lebens- und Bildungsstandard waren nicht sonderlich hoch, eine breite Mittelschicht und das Angebot qualifizierter Jobs dünn gesät.. Das meiste Geld floss in die Taschen der Europäer.
Die alte Tram auf Hongkong Island ist noch dieselbe. Doch ansonsten haben sich die Zeiten radikal geändert. Längst schon gehören die meisten Glitzerfassaden der Millionen-Metropole chinesischen Eigentümern.
Es gibt eine gut verdienende Mittelschicht und das Bewusstsein, dass man mit der Herstellung billiger Konsumartikel und nur als reiner Handelsplatz auf die Dauer nicht wird überleben können. Um sich auf die Zukunft vorzubereiten, besinnt man sich auf alte Traditionen.
Prof. Eugene Wong ist Vizepräsident der HKUST und erinnert an die kulturelle Tradition der Chinesen: „Sie hat viele Elemente, die wichtig sind, um im heutigen Forschungsbetrieb bestehen zu können“, betont der Wissenschaftler, der seine Professur in Berkley und seinen Beraterposten für US-Präsident George Bush aufgegeben hat, um die Stelle in Hongkong anzutreten: „Eine Tradition ist die Wertschätzung der Gelehrsamkeit, die es stets in der Geschichte Chinas gegeben hat. Die Erziehung zum Wissen hatte und hat bei uns einen sehr hohen Rang.“ Ehrgeiz spielt wohl auch eine große Rolle: Der neue Flughafen Hongkongs sollte der sicherste der Welt werden. Also wurde an der Universität ein neues Warnsystem gegen Scherwinde entwickelt, mit dem sich auch die besonders kritischen Fallwinde in Bergnähe vorausberechnen lassen. Es ist das erste System seiner Art weltweit und soll deshalb künftig auch weltweit vermarktet werden: - als Vorbote für den neuen Forschungseifer in der ehemaligen Kronkolonie.
Dreieinhalb Flugstunden südlich liegt der Stadtstaat Singapur. Binnen drei Jahrzehnten ist dort aus einer malariaverseuchten Kolonie eine Hightech-Metropole geworden. Die Regierung hat Wissenschaft und Technologie inzwischen ganz nach oben auf die Liste der nationalen Prioritäten gesetzt. Dr. Juzar Motiwalla, Leiter des Instituts of Systems Science der University of Singapur, begrüßt vor allem die Offenheit „für alle Menschen, die es attraktiv finden, hier zu arbeiten, eben weil Singapur im Grunde kosmopolitisch und offen ist." Der Staat steckt deshalb viel Geld in Forschung und Entwicklung mit dem ehrgeizigen Ziel, aus Singapur eine "Insel der Intelligenz" zu machen.
In den Arbeitsgruppen des bereits weltweit renommierten Institut für Zell- und Molekularbiologie spiegelt sich das wieder. Den Chinesen, Indern, Malaien und Amerikanern stehen hervorragend ausgestattete Labors zur Verfügung. Hinzu kommt: Die Universität ist jung. Das bietet ehrgeizigen Wissenschaftlern die Chance, sich durch eigene Leistung zu profilieren. Ein Grund auch für manchen Europäer, in die asiatische Metropole umzusiedeln, um dort die ersten Schritte in eine vielversprechende Karriere zu machen. Zum Beispiel der Schweizer Mediziner Markus Kalousek:
Er wollte, wie allgemein üblich für Wissenschaftler, nach der Grundausbildung und dem Doktorat im Ausland zu arbeiten. Normalerweise gehen Jungforscher nach England oder Amerika. Doch Kalousek schaute sich erst einmal die Publikationen verschiedener Forschergruppen an. Dabei fielen ihm die sehr guten Facharbeiten aus Singapur auf. Kalousek beschloss, den Versuch zu wagen. Bereut hat er es nicht. Zusammen mit einem deutschen Kollegen gelang es ihm einen der Mechanismen zu klären, mit dem ein Enzym eine normale Körperzelle in eine Krebszelle umwandelt. Vielleicht eines Tages der Ansatz für eine Therapie.
Binnen 10 Jahren hat sich die Zahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen in Singapur versiebenfacht. Auch in der Grundlagenforschung, denn gerade sie gilt in Singapur als Investition in die Zukunft. Den Eifer ihrer Forscher lässt sich die Regierung pro Jahr 270 Millionen US-Dollar kosten. Die Abwanderung der geistigen Elite, der sogenannte Brain-Drain wurde gestoppt. Viele inzwischen hochqualifizierte Inder und Chinesen kehren nach Asien zurück und sinkende Forschungsetats in Europa und den USA bewegen manche vielversprechenden Wissenschaftler dazu, seiner Heimat den Rücken zu kehren.
Singapur nimmt sie mit offenen Armen auf. "Forschung kennt keinen Grenzen“, so Prof. YH Tan, Leiter des Institute of Molecular and Cell Biology, der selbst zuvor lange Jahre in den USA und Canada gelebt und gearbeitet hat: Forschung frage nur danach, ob die Infrastruktur vorhanden ist, die Wissenschaftler brauchen. „Im nachhinein war der Brain-Drain der letzten 30 Jahre das Beste, was uns hier geschehen konnte." Und er schwärmt von dem neuen „Biopolis“, das so in Singapur entstehen könne.
Nein, nicht die China-Oper symbolisiert das Asien von heute: Eher eine ehrgeizige, junge, gutausgebildete Mittelschicht, die bereits zum Sprung in die Zukunft angesetzt hat.
(Morgenwelt, 1996)
Nachwort:
Fast zehn Jahre ist es her, da stand ich als NDR-Mitarbeiter mit meinem Fernsehteam im kurz zuvor fertig gestellten Foyer der „University of Science and Technology“ in Hongkong. Die HKUST erstrahlte in einer postmodernen Architektur direkt über dem chinesischen Meer - in einer der schönsten Lagen der Stadt. Erbaut und in Betrieb genommen hatte man sie in einer nahezu atemberaubenden Zeit von gerade 5 Jahren. Und weltweit wurde gerade Spitzenforscher zusammen gekauft, um der Universität den nötigen wissenschaftlichen Schub zu geben.
Die asiatischen Tiger waren damals gerade dabei, sich aus dem Joch der Billigproduktion zu befreien. Sie setzten auf Forschung und Innovation. Und für mich war es der Anfang einer ganzen Reihe von Berichten über Forschung in Asien, die ich damals für die NDR-Sendung „Prisma“ erstellte. Die Forschungsoffensive Fernost wurde auch ein Jahr später zum ersten Themenschwerpunkt bei Morgenwelt.
Doch auch damals herrschte in Deutschland ein depressive Stimmung. Und alle Versuche von mir (und einiger weniger Kollegen), den Aufbruch in Asien als dringend notwendigen Startschuß für einen Forschungs- und Innovationsschub in Deutschland zu beschreiben, schlugen fehl.
Den asiatischen Länder, so hörte ich damals schon, würde es kaum gelingen, den europäischen Vorsprung einzuholen. An dieser These hatt ich damals schon meine Zweifel!
Und weil sich seit damals so wenig geändert hat, weil wir immer noch, wie der Beitrag von Dagmar Lorenz zeigt, nicht davon abzubringen sind, Asien chronisch zu unter- und uns zu überschätzen, habe ich diesen Artikel noch einmal hervorgeholt.
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